blc beim NMÜ-Workshop der Europäischen Kommission

Wenn das Directorate-Generale for Translation (DGT) der Europäischen Kommission mit der Anfrage anklopft, einen Überblicksvortrag zum Stand der neuronalen Übersetzung zu halten, lässt man sich nicht 2 Mal bitten und macht sich auf den Weg in die Hauptstadt Bulgariens.

Auch wenn dies nicht die erste Anfrage zu einem MÜ-Vortrag war – im Frühjahr 2018 hatte ich bereits in Luxemburg die Ehre, am TermDay der lokalen Terminologen die Möglichkeiten der Termintegration im Rahmen der MÜ zu erläutern – ist es natürlich ein besonderer Termin, dem man mit wachsender Aufregung entgegenblickt.

Also machte ich mich am 28.11.2018 auf zu dem Workshop mit dem Titel ‚The (R)evolutionof Translation: Machines and Humans in the Era of Neural Machine Translation‘.

Ziel des Wokshops war es, ÜbersetzerInnen des bulgarischen DGT zum generellen und EC- internen Stand der neuronalen maschinellen Übersetzung zu informieren.

Neuronale Übersetzung – Viele Daten, etwas Magie und ein Blick in die Zukunft

Meinen Laptop und meine NMT-Aufklärungsmission im Gepäck betrat ich den Konferenzraum in der bulgarischen Vertretung der Europäischen Kommission im Zentrum von Sofia und fand Gegebenheiten vor, die dann doch etwas spezieller waren als gewohnt: Ein exponiertes Podiumfür die Redner, etliche Großbildschirme, Kameras für einen Livestream und eine Dolmetsch-Kabine mit zwei Damen, die extra für den deutschsprachigen Direktor und mich bestellt waren, denn mit Ausnahme meines Vortrags wurden alle Präsentationen in der Landessprache gehalten.

Gesundheitlich etwas angeschlagen hielt ich den Einleitungsvortrag des Tages  und machte die TeilnehmerInnen mit Voraussetzungen und Machbarkeiten der neuronalen MÜ vertraut:

Zu diesem Zweck habe ich einen breiten Überblick zu wichtigen Einflussfaktoren neuronaler Übersetzung gegeben:

  • Technik & Methoden des Verfahrens
  • Trainingsressourcen & Domänenanpassung
  • Vorteile, Probleme & Offene Potenziale
  • Integration der NMÜ
  • Ausblick zur Zukunft der NMÜ

Den nachfolgenden Gesprächen mit TeilnehmerInnen und VeranstalterInnenn konnte ich entnehmen, dass durch den Vortrag einige bisher unklare Zusammenhänge der NMÜ geklärt worden sind, was mich natürlich sehr gefreut hat. Die Vorträge der nachfolgenden Redner haben zudem gezeigt, dass sich viele der in meinem Beitrag beschriebenen Qualitätsaspekte der NMÜ in den Produktivdaten des MÜ-Systems der Europäischen Kommission widerspiegeln, wodurch sich letztlich ein erkennbarer roter Faden durch die Themen des Tages zog. 

Maschinelle Übersetzung bei der Europäischen Kommission – Erste Erfahrungen

Seit November 2017 steht den Institutionen der Europäischen Union der neuronale maschinelle Übersetzungsdienst eTranslation zur Verfügung, der das bis dato statistische MÜ-System MT@EC ablöste. Der von einer Kooperation europäischer MÜ-Dienstleister mitentwickelte Dienst wurde auf dem Sprachmaterial des Mammut-Translation-Memories Euramis (über 121 Mio (!) Segmente in 552 Sprachrichtungen der 24 EU-Sprachen) trainiert. Da der Dienst also noch relativ neu ist, müssen nun erste Erfahrungen und Fallstudien zum praktischen Einsatz des Systems ausgewertet werden. Hierbei spielt vor allem die Evaluation des MÜ-Outputs in den spezifischen Domänen (z.B. Finanz, Gesetzestexte, etc.) der EU-Institutionen eine wichtige Rolle. Die systematische Fehleranalyse und -katalogisierung und das Nutzerfeedback sind wichtige Voraussetzungen zur Optimierung von MÜ-Systemen.

Die Beiträge der Vortragenden befassten sich daher auch eingehend mit Fehlerbildern und dem Bedeutungserhalt im NMÜ-Output zu verschiedenen Textdomänen. Welche Vorarbeit für das Training von spezifischen Engines notwendig ist und welchen Stellenwert die Trainingsressourcen für die NMÜ haben wurde ebenso eindrucksvoll dargelegt wie auch die Bestrebungen zur bilingualen Termextraktion und zur Erkennung und Übersetzung von Named Entities (Eigennamen).

Die Sicht des Übersetzers – verhaltene Zustimmung und Arbeitsrollen imWandel

Maschinelle Übersetzung wird häufig immer noch als Erzrivale der Humanübersetzer empfunden. Das gleiche Stimmungsbild hatte ich auch beim DGT erwartet, jedoch standen die ÜbersetzerInnen im Plenum der NMÜ weitaus weniger ablehnend gegenüber als erwartet. Die ersten praktischen Tests mit dem MÜ-System haben offenbar zu einer – wenn auch noch verhaltenen – Akzeptanz der neuen Technologie geführt; nicht zuletzt auch aufgrund der größtenteils sehr überzeugenden Übersetzungsqualität

Dass der Qualitätssprung grundsätzliche Veränderungen in der Übersetzungslandschaft nach sich zieht, steht außer Frage. Welcher Art diese insbesondere für die um ihren Arbeitsplatzt besorgten Übersetzer sein werden, ist auch innerhalb des DGT der Europäischen Kommission gerade ein zentrales Thema.

Das Bewusstsein für die Erfordernisse qualitativer maschineller Übersetzung spielt hier eine entscheidende Rolle: Die Beschaffung und Aufarbeitung von Trainingsressourcen für die NMÜ, die Integration von Terminologie in die Texte sowie die Nachbereitung fehlerhaften MÜ-Outputs gehen mit völlig neuen Rollenbeschreibungen in der Übersetzungswelt einher, die im Laufe der nächsten Jahre definiert und ausgehandelt werden müssen. Das Übersetzerprofil wird hierbei nicht ersetzt,sondern durch weitere Kompetenzen im Umgang mit der neuen Technologie erweitert. Die Herausforderung liegt nun darin, persönliche Kompetenzen im MÜ-Umfeld auszuloten und sinnvoll mit Spezialisierungen innerhalb der Humanübersetzung zu vereinen.

Fazit

Den Workshop des DGT habe ich mit einem guten Gefühl beendet. Nicht nur wegen der interessanten Einblicke in die Übersetzungspraxis der Europäischen Kommission, sondern auch wegen der zahlreichen Einzelgespräche mit Teilnehmern und Veranstaltern des Workshops, die ich auf fachlicher und persönlicher Ebene sehr bereichernd fand. Für die Stadtbesichtigung hatte ich leider nur wenig Zeit, kann Sofia aber schon aufgrund seiner vielen gemütlichen Einkehrmöglichkeiten und der Dichte an Läden lokaler Künstler & Designer nur wärmstens empfehlen.

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