Die EAMT 2018 – Neuronaler Stierkampf in Alicante

Vom 28. – 30. Mai 2018 fand in Alicante die Konferenz der European Association for Machine Translation, kurz EAMT, statt. Die Konferenz bot eine gute Plattform für  regen Austausch zwischen Forschung, Anwendern und Industrie. Wie erwartet zog sich die neuronale Übersetzung (NMÜ) als Schwerpunktthema durch den Großteil der Präsentationen. Dass  NMÜ nun unweigerlich ihren Fußabdruck in der Welt der Humanübersetzung hinterlassen hat, zeigte sich auch eindrucksvoll im Plenum des Translator Track. Hier diskutierten LSPs, Übersetzer und MÜ-Entwickler angeregt zur Zukunft des Übersetzungsgeschäfts. So machte die Sicht der klassischen Übersetzung  die EAMT dieses Jahr auch besonders spannend und bot Anlass zu regem Austausch.

Synthetische Übersetzungen und neuronale Piloten

Das Themenspektrum der Vorträge und Poster-Sessions bot einen bunten Mix aus MÜ-Anwendungsszenarien und Verfahrensevaluationen aus Forschung, Industrie und LSP-Vertretern. Hier ein kleiner Auszug:

Die Problematik des spärlichen Trainingsmaterials für unterrepräsentierte Sprachpaare thematisierte Andy Way von der DCU (Dublin City University). Die Erstellung synthetischer Trainingstexte mit Hilfe der maschinellen Rückübersetzung (‚Backtranslation‘) ist eine gängige Methode, um humanübersetzte Paralleltexte mit weiterem Material für das NMÜ-Training anzureichern. Verschiedene Mischverhältnisse aus Originaltexten und synthetischen Texten führen hier zu unterschiedlichen Qualitäten des MÜ-Outputs.

Sehr große Umfänge der Trainingsdaten für korpusbasierte Verfahren wie statistische maschinelle Übersetzung (SMÜ) und NMÜ stellen die Verfahren vor Performanzprobleme. Abhilfe schaffen hier Methoden zur Korpusverkleinerung über Auswahlmethoden, die nur Sätze im Korpus belassen, die für ein Anwendungsgebiet relevant sind. Dass die Trainingszeiten hierdurch signifikant verkürzt werden können, wurde von Zuzanna Parcheta von Sciling demonstriert.

Sander Tars von der University of Tartu, Estland, widmete sich der domänenspezifischen Übersetzung über ein einzelnes neuronales Netz, in dem die Domänen wie Sprachpaare behandelt werden und nach Bedarf gewechselt werden können.

MÜ angewendet

Von Seiten der MÜ-Dienstleister stellten Judith Klein und Giorgio Bernardinello von STAR die Pre- und Post-Processing-Komponenten sowie den WebTerm-Konnektor von STAR MT vor. Anhand einer Live-Präsentation zeigten sie die Oberfläche des Systems, die über eine Review-Komponente und ein Fenster mit übersetzbaren Terminformationen zum MÜ-Output zeigt. Marcello Federico stellte sein adaptives NMÜ-System ModernMT vor, das die dynamische Anpassung des Systems über Post-Edits der Nutzer ermöglicht.

Praktisch wurde es auch mit den ‚Piloten‘ von Waverly Labs. Nicholas Ruiz versorgte die Teilnehmer mit kleinen, kabellosen In-Ear-Kopfhöhrern, die im Zusammenspiel mit einer Smartphone-App die Live-Übersetzung im Dialog von zwei Personen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, ermöglicht. Neben zahlreichen Testern aus der MÜ-Community konnte sich auch Jessica Oehmen von blc mit der Funktionsweise der kleine ‚Babelfische‘ vertraut machen, die sich aktuell noch in der Beta-Phase befinden und daher noch ein paar Kinderkrankheiten mit sich tragen.

Quelle blc: Jessica Oehmen testet den Pilot, einen Übersetzungsstöpsel für die Ohren

 

NMÜ in der Humanübersetzung – Chancen und Ängste

Nicht erst seit dem Siegeszug der neuronalen maschinellen Übersetzung stellt sich die Frage nach den Perspektiven der Synergie von Mensch und Maschine im Übersetzungsprozess von LSPs. Heute steht nicht mehr zur Debatte, ob MÜ in den Prozess integriert werden soll, sondern wie genau es geschehen soll.

An der Neugier und dem Willen, es doch zumindest mal zu probieren, mangelt es den Übersetzern, die letztlich am meisten von der Umstellung betroffen sind, nicht. Die Präsentationen der zahlreich angereisten Übersetzer zeigten, dass der Umstiegsprozess längst im Gange ist. Zweifelsohne kann die gestiegene Qualität der neuronalen Übersetzung die Produktivität steigern. Dies tut sie jedoch nur, wenn Übersetzer auf die veränderten Anforderungen des Post-Editing vorbereitet werden. Hierzu ist es nicht nur nötig, einen Evaluationsprozess zu etablieren, der den Übersetzer und seine persönlichen Anforderungen als Zentrum der Übersetzung betrachtet. Die Anpassung des MÜ-Outputs erfordert darüber hinaus angepasste Messverfahren und MÜ-Know-How, das die Rolle des Übersetzers nachhaltig verändern wird.

Dass diese Umstellung selbstverständlich auch mit finanziellen Umwälzungen verbunden ist zeigte sich im Übersetzer-Plenum am letzten Tag der Veranstaltung. Wie die Umlagerung der durch die MÜ sinkenden Übersetzungskosten zum Vorteil aller Beteiligten (LSP, Übersetzer und Endkunde) geschehen kann, darüber scheint es noch keinen zufriedenstellenden Konsens zu geben.

Ende gut

Mit diesen nachdenklich stimmenden Gedanken endete die Veranstaltung. Wir danken dem Veranstalter (Universität Alicante) für eine informative und professionelle Konferenz mit schönen Abend-Events und guten Möglichkeiten zum Gedankenaustausch. Und auch wenn in diesem Jahr aufgrund aufgrund unerwartet hoher Teilnehmerzahlen spontan noch der Veranstaltungsortes auf den Universitätscampus verlegt werden musste, verlief die dreitägige Veranstaltung einwandfrei. Wir Teilnehmer waren jedenfalls stets bestens versorgt, dank großzügig ausgeteilter Essensgutscheine und Bahntickets.

Im nächsten Jahr wird es leider keine EAMT geben. Aber dafür gibt es den MT-Summit vom 19.-30. August 2019 an der DCU in Dublin.

Vielleicht sehen wir uns ja dort!

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