In Asien geht das alles schon (was bei uns nicht geht)

Das waren meine Gedanken, als ich zum 2-tägigen TAUS Asien Kongress nach Singapur flog. Ich wollte bestätigt (oder widerlegt) haben, was in den heimischen Medien so berichtet wird. Wie das ausgegangen ist, erfahren Sie in diesem Blog.

Wenn man aus dem Flugzeug steigt und Singapur zum ersten Mal erblickt, erahnt man das Potenzial dieser Region. In Singapur funktioniert einfach alles nahezu perfekt, Nahverkehr, Straßenreinigung, W-Lan. Das hat natürlich auch seinen Preis: Strenge Gesetze, Videoüberwachung, Polizeipräsenz und teure Güter. Wer sich in Singapur nicht an die Regeln hält, landet im Gefängnis oder Schlimmeres, auch schon bei Bagatelldelikten. Und wer keinen hochdotierten Job hat, der hat es deutlich schwerer, über die Runden zu kommen. In Singapur greift der Staat in Vieles ein, was für uns Europäer privater Raum ist. Aber er greift auch jungen Unternehmen unter die Arme und fördert das Wirtschaftswachstum. Extreme, die wir in Deutschland so nicht kennen.

Das Übersetzungsgeschäft in Singapur ist auf Grund der geringen Größe des Stadtstaats klein und wird auf einige wenige Übersetzungsagenturen verteilt. Immerhin hat Singapur vier offizielle Sprachen: Englisch, Mandarin, Malaiisch und Tamil. Singlish – eine Kreolsprache, die auf dem Englischen basiert mit Einflüssen aus Malaiisch, Mandarin und Tamil – wird nur von ‚echten‘ Singapurern gesprochen, von der Regierung als Pidgin geächtet und nicht als Landessprache anerkannt.

TAUS in Asien

Aber zurück zur Konferenz: Vom 16.-18.10. durfte ich im Mandarin Orchard Hotel, mitten in Singapur auf der lebhaften Orchard Road, spannenden Vorträgen, Podiumsdiskussionen und guten Sprechern lauschen. Das Allerspannendste aber war das Netzwerken mit den anwesenden Vertretern internationaler Unternehmen und Übersetzungsagenturen in Asien, wie z.B. PayPal, Expedia, Skyscanner uvm. Vor allem die Erkenntnisse aus diesen Gesprächen sind in meinen Blog eingeflossen.

China, Vietnam, Hauptsache Asien

Singapur ist nicht Asien, Asien besteht aus zahlreichen Ländern und Regionen, alle mit ihren Besonderheiten. In meinen Gesprächen auf der Konferenz stellte sich schnell heraus, dass China auch aus Sicht der anderen asiatischen Länder eine besondere Stellung innehat. Logisch, denn China ist riesig und die Bevölkerung stellt eine immense Kaufkraft dar.

Irgendwie hatte ich angenommen, dass man in China als Unternehmen, z.B. als Übersetzungsagentur, alles ganz schnell und vor allem sehr günstig bekommt. Fehlanzeige! In China sind die Lohnnebenkosten und Steuern extrem hoch, der reine Lohnanteil selbst aber niedrig. Außerdem gibt es zu wenig ausgebildete Fachkräfte und insbesondere im Sprachensektor wenig ausgebildete Übersetzer. Denn der Beruf des Übersetzens ist nicht erstrebenswert im Land der Aufstrebenden, damit kann man keine Karriere machen. Das ist im Übrigen auch in Vietnam ein Problem, so Tram Chau, Localization Quality Manager bei Expedia. Häufig sind die Bewerber keine ausgebildeten Übersetzer sondern Quereinsteiger aus anderen Bereichen.

Viele kleine und wenig große Unternehmen

Hinzu kommt, dass die chinesischen Unternehmen häufig das Thema Lokalisierung immer noch nicht für wichtig erachten und wirklich große Übersetzungsvolumina nur bei den Internet-Riesen Baidu, Alibaba und Tencent anfallen. Ansonsten gibt es in China extrem viele sehr kleine Unternehmen (täglich werden in China bis zu 1.000 neue Firmen gegründet) mit kleinen Volumina und viele bedienen einfach den eigenen, riesigen Markt. Chinesische Übersetzungsunternehmen schauen deshalb nach Übersee, um Ihre Dienstleistungen anzubieten. Hier muss aber noch einiges dazugelernt werden, so James Wei von der Übersetzungsangetur EC Innovations Inc. in seinem Vortrag. Interkulturelle Kommunikation ist das Schlagwort: Wie geht man mit Kunden aus anderen Kulturkreisen richtig um? Was erwarten z.B. Deutsche im Reklamationsfall?

Chinesische Unternehmen haben häufig Chatbots im Einsatz und arbeiten Kaufanfragen und Reklamationen automatisch ab. In China kein Problem, hier gibt man sich gerne mit einem Chatbot zufrieden, wenn es dafür sofort passiert. Nicht so bei uns in Deutschland. Wir warten lieber 12 Stunden, bis die Telefonhotline wieder im Dienst ist, um mit einer echten Person in einem Callcenter zu sprechen. Wir glauben, dass die Information ‚wertvoller‘ ist, die wir hier erhalten, und es ist uns wichtig, unsere Meinung zum Problem oder Produkt einem echten Menschen kundzutun.

In Asien wird alles maschinell übersetzt oder auf Englisch angeboten

Maschinelle Übersetzung würde man zwar gerne (und bedenkenlos) für alles einsetzen, kann man aber nicht. Denn das hängt von der Art der Sprachpaare ab und wie immer natürlich von der Datenmenge und Datengüte. Leider eignen sich viele asiatische Sprachen gar nicht gut für die maschinelle Übersetzung. Und für einige (z.B. ostasiatische Sprachen) gibt es nicht ausreichend Datenmaterial in der benötigten Güte. Das heißt, so ganz heiß her geht es mit der Maschinellen Übersetzung nun doch nicht, wie immer alle vermuten. Allerdings ist es natürlich schon so, dass viele Unternehmen in China ihre Online-Waren mit maschinell übersetzten Texten in Europa anpreisen, auch wenn die Qualität nicht ausreichend ist. Das liegt daran, dass viele Unternehmen das Sprachproblem noch negieren.

Englisch als Ersatzsprache anbieten geht leider auch nicht. In fast allen asiatischen Sprachen, vor allem in den Ostasiatischen Ländern, sollte man tunlichst eine der Landessprachen verwenden, wenn man sein Produkt an den Mann oder die Frau bringen möchte. Denn Englisch wird hier häufig nicht verstanden.

Fazit

Ich habe noch so viel mehr erfahren, aber um die wichtigsten Erkenntnisse auf den Punkt zu bringen: Man darf Asien nicht über einen Kamm scheren, sondern muss sich mit den einzelnen Ländern auseinandersetzen, wenn man als Europäer wirtschaftlich Fuß fassen möchte. In der Zusammenarbeit mit chinesischen Übersetzungsdienstleistern ist es ratsam, Kulturtraining zu betreiben, um Verhaltensweisen der Lieferanten und Geschäftspartner richtig einschätzen zu können. Natürlich müssen Unterschiede nicht negiert werden, wir sind kulturell unterschiedlich und das ist auch völlig OK so. Aber man sollte damit umgehen können.

Ich werde jedenfalls gerne wieder in ein asiatisches Land reisen und hoffentlich noch viele dieser Unterschiede kennen lernen!

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