Wortwolke Lehnwörter 2021

Lehnwörter im Deutschen – Massel oder Schlamassel?

Nachdem wir uns schon mit unübersetzbaren Wörtern aus aller Welt sowie deutschen Worten, die um die Welt gewandert sind, auseinandergesetzt haben, geht es heute um Fremdwörter in der deutschen Sprache. Natürlich fallen an dieser Stelle zuallererst Entlehnungen aus dem Englischen ein. Es wird sogar von einer Initiative von Sprachwissenschaftlern der FU Berlin jedes Jahr ein „Anglizismus des Jahres“ gewählt; im Jahr 2021 war dies passenderweise „boostern“. Doch wann wird ein Fremdwort aus einer anderen Sprache zu einem Lehnwort?

„Fakenews“ war gestern, heute „boostert“ man

Lehnwörter definieren sich als „aus einer fremden Sprache übernommenes Wort, das sich in Aussprache, Schreibweise, Flexion der übernehmenden Sprache angepasst hat“ (Quelle: duden.de). „Boostern“ und verwandte Begriffe (z. B. „Boostereffekt“) findet sich schon im Duden und haben sich auch schon an die deutsche Grammatik (z. B. Perfekt- und Kompositabildung angepasst):

Abbildung 1: Eintrag zu „boostern“ im Duden (https://www.duden.de/rechtschreibung/boostern)

Es lässt sich also festhalten, dass sich – mindestens im Medizinjargon – „boostern“ bereits als Lehnwort etabliert hat.

Vom „meschuggen Rabauken“ zum „Schmetterling“

Während bei englischen Lehnwörtern die Wortherkunft in aller Regel eindeutig ist, gibt es auch Worte, bei denen kaum jemand weiß, dass sie ursprünglich aus einer anderen Sprache stammen.

Ein Beispiel dafür ist „Schlamassel“, das aus dem Jiddischen stammt. Dabei wurde das jiddische „Massel“ = Glück mit dem deutschen „schlimm“ kombiniert, was dann irgendwann zu „Schlamm“ („im Schlamm stecken“) geändert wurde. Heraus kam der „Schlamassel“. Weitere Beispiele für jiddische Wörter in der deutschen Sprache sind „Tacheles“ (reden), „malochen“ und „meschugge“.

Aus fast allen Sprachen der Welt haben Lehnwörter unsere Sprache bereichert:

  • „Magier“, „Paradies“ und „Scheck aus dem Iranischen
  • „Orange“, „Schach“ und „Kiosk“ aus dem Persischen
  • „Ranzen“, Vampir“ und „Schmetterling“ aus den slawischen Sprachen
  • „Tomate“ und „Kakao“ aus dem Nahuatl (aztekische Sprache)
  • „Sofa“ und „Zucker“ aus dem Arabischen
  • „Bankrott“ und „Spagat“ aus dem Italienischen
  • „bugsieren“ und „Rabauke“ aus dem Niederländischen
  • „Loipe“, „Troll“ und „Vielfraß“ aus den skandinavischen Sprachen
  • „Tabu“ aus den polynesischen Sprachen
  • „Roboter“ aus dem Tschechischen
  • „Kosmonaut“ und „Mammut“ aus dem Russischen
  • „Säbel“ und „Gurke“ aus dem Polnischen
  • „Gletscher“ aus dem Rätoromanischen
  • „Dolmetscher“ und „Joghurt“ aus dem Türkischen
  • „Tollpatsch“ und „Pallatschinken“ aus dem Ungarischen

Sprechen wir überhaupt noch Deutsch?

Wer das Gefühl hat, von Fremdwörtern überschwemmt zu werden, kann beruhigt werden: Laut Duden beträgt der Anteil der Fremdwörter in aktuellen Zeitungsartikeln ca. 8-9% (https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Anteil-der-Fremdw%C3%B6rter-am-deutschen-Wortschatz). Bei insgesamt 300.000 und 500.000 deutschen Wörtern beläuft sich die Zahl der fremdsprachlichen Entlehnungen im Deutschen auf ca. 100.000 Wörter. An dieser Stelle müssen aber zwei Dinge betont werden:

  1. Wichtiger als die Menge ist der tatsächliche Gebrauch. Viele Fremdwörter sind eher „Modeerscheinungen“, die nur über einen begrenzten Zeitraum genutzt werden. (Dazu mag zumindest in der Allgemeinsprache auch „boostern“ zählen.) So ergaben sprachstatistische Untersuchungen, dass selbst in Werbetexten der Anteil englischer Fremdwörter nur rund 4% beträgt.
  2. Die Grenze zwischen Fremdwort und Lehnwort ist fließend. Da das Deutsche wie jede Sprache dem Wandel unterliegt, ist es ein natürlicher Prozess, dass sich Lehnwörter etablieren und irgendwann nicht mehr als solche erkannt werden. Was würden wir z.B. heute ohne die „Tomate“, den „Schmetterling“ und den „Dolmetscher“ tun? Und ganz ehrlich: Wer hat heutzutage noch nicht das Wort „boostern“ in den Mund genommen? Manchmal kommt man ohne Lehnwörter tatsächlich nicht mehr aus.

Fazit: Fremdwörter als Bereicherung

Überraschend viele deutsche Wörter stammen aus anderen Sprachen und haben maßgeblich zur Entwicklung der deutschen Sprache beigetragen. Das heißt nicht, dass jedes populäre Fremdwort langfristig seinen Einzug in den Sprachgebrauch findet. Sprachästheten können sich also an dieser Stelle zurücklehnen und still und heimlich denken: „Alles Fake News!“


Beitragsbild: Wörterwolke von anglizismusdesjahres.de.

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