Übersetzen war gestern! TAUS Global Content Summit in Dublin

Der TAUS (Translation Automation User Society) Global Content Summit fand auch in diesem Jahr wieder bei Microsoft in Dublin statt. Zum Glück gut geschützt vor den ersten Sturmausläufern konnte ich mich mit anderen Sprachprozess- und Technologieexperten aus LSPs, Technologieanbietern und Großunternehmen einen Tag lang intensiv austauschen.

Language Service Provider? Bitte nicht!

Im ersten Panel hörten wir die Agenturen-Seite zur Entwicklung der Industrie. „Language Service Provider“ oder gar „Übersetzungsagenturen“ hört man laut Gráinne Maycock von Amplexor und Mark Rice von thebigword gar nicht mehr gern. Statt dessen nennt man sich heute Content Prozess Berater oder Global Content Provider. Alles nur Wortklauberei? Nicht ganz: Man hat erkannt, dass die reine ‚Übersetzungsleistung‘ nicht mehr reicht und auch, dass viele Bereiche durch maschinelle Lernanwendungen entlastet werden können. Deshalb setzt man auf mehr Technikexpertise (wie KI und MÜ) und Prozesswissen (wie Content-Beratung, Prozessanalyse). Fazit für Übersetzer: Sprachexperten, die sich in diese Richtungen entwickeln sind auf dem richtigen Weg!

Nicht ohne leichtes Post Editing

Dann kam die Einschätzung der Kundenseite: Richard Turncliffe von Google, Paul Leahy von Oracle und unser Gastgeber Vincent Gadani von Microsoft tauschten sich zu aktuellen Entwicklungen beim Einsatz von Sprachtechnologien aus. Interessantes Geständnis: Google publiziert intern keine rohe maschinelle Übersetzung (kurz MÜ), sondern ausschließlich PEMT (Post Edited Machine Translation), wobei ‚leichtes Post Editing‘ zum Einsatz kommt.

Herausforderung für alle drei Giganten: Die Einschätzung der Qualität von MÜ. Hierzu hat Microsoft sogar ein eigenes Modul und einen Workflow entwickelt, indem mit künstlicher Intelligenz die Qualität der MÜ eingeschätzt und je nach Ergebnis entweder ‚roh‘ veröffentlicht wird oder in Richtung Post Editing geroutet wird.

Spannend: Alle Unternehmen haben große Linguistik-Teams, auf die sie zurückgreifen. Hier sehen sie auch weiterhin Bedarf, denn ohne linguistische Expertise könnten solche Prozesse nicht gesteuert und verbessert werden!

Laut Oracle ist vor allem der richtige Terminologieeinsatz das Schlüsselelement für gute MÜ-Qualität. Und einige Sprachlücken seien zu füllen, hier fehlten aber vor allem Daten.

Lernen: Rudern gegen einen reißenden Informationsstrom

Zum nächsten Themenbereich ‚Überbrücken der Wissenslücken‘ durfte ich etwas beitragen. Lernen ist heute wichtiger denn je – und im Sprachtechnologie-Sektor gilt es immer noch, große Wissenslücken zu überbrücken. Obwohl technische Inhalte hierbei eine wichtige Rolle spielen, sind die Einstellung zum Lernen und das veränderte Umfeld noch viel relevanter: Hat man früher ‚auf Halde‘ gelernt und das Wissen, das man brauchte zum Großteil direkt abgerufen, so lernt man heute ’nach Bedarf‘ und wie und vor allem wo man Wissen schnell findet. Unternehmen können diese Prozesse unterstützen, wenn sie ihren Mitarbeiter nicht nur Freiraum zum Lernen geben, sondern auch ermöglichen, dass das Gelernte direkt in die Praxis umgesetzt wird. Nur dann kann Wissen gewinnbringend im Unternehmen eingesetzt werden. Wir unterstützen unsere Kunden dabei,  indem wir relevante Methoden und Inhalte für die digitale Qualifizierung liefern.

Marcin Kotwicki von der Europäischen Kommission treibt unter anderem die Frage um, wie viel man über die eigenen Daten und die Übersetzer und Post Editoren ‚wissen‘ kann, ob man diese Wissen mitführen sollte. Und ob man am Ende mit mehr Wissen über Herkunft und Kontext der eigenen Daten bessere Qualität erzeugen kann.

Maciej Krupinksi von GET IT Language Solutions ist der Meinung, dass die aktuelle Ausbildung von Sprachspezialisten nicht die Wirklichkeit wieder gibt. Er plädiert dafür, die Übersetzer-Ausbildung zu spezialisieren und mehr technische Inhalte zu integrieren. Die Herausforderung hierbei ist, dass wir uns heute auf Jobs vorbereiten, die wir noch gar nicht kennen.

Ohne Daten keine KI

Dace Dzeguze und Jaap van der Meer von TAUS stellten coole neue Services und Angebote vor. Das wichtigste zuerst: TAUS Services können jetzt viel flexibler und einfacher genutzt werden, z.B. kann man DQF und das Dashboard jetzt auch abonnieren, ohne TAUS-Mitglied zu sein.

Sehr spannend ist das ‚Human Language Project‘ von TAUS, in dem TAUS Experten Daten für seltenen Sprachen auf Basis der eigenen Datenplattform herstellen und anbieten.

TAUS Matching Data: Anhand von Beispiel Datensätzen des Kunden werden passende Daten auf Segment Ebene automatisch zusammengestellt. Die Daten werden bereinigt und anonymisiert bereitgestellt, ganz nach Wunsch des Kunden.

Neues aus der Tech-Ecke

Im Technik Slot zeigte uns Natasha Latysheva von Welocalize den magischen Trick der syntetischen Datenerzeugung für das MÜ-Training bei fehlenden Sprachdaten. Und Diane O’Reilly von Iconic Translation hatte einen ganzen ausgeklügelten MÜ-Workflow für die Pharma-Industrie im Gepäck. Spannend, was man alles mit Sprachtechnologie anstellen kann!

Business as usual?

Zum guten Schluss gab es noch Inspiration zur Veränderung: Andrew Campbell von Lingo24 teilte sein Geschäftsmodell mit uns, welches stark auf Technologie setzt aber den Linguisten dennoch als zentrale Größe betrachtet. Und Margaret Ann Dowling von Createandtranslate.org brainstormte mit uns darüber, wie man die Zeitschriftenwelt revolutionieren könnte – mit Inhalten für alle in allen Sprachen. Ihr fehlt nur noch die technische Plattform – und das Verständnis der Publikationswelt für ‚technische‘ Sprachprozesse.

Das sind nur einige Eindrücke aus einem sehr vielseitigen Tag. Von den spannenden Kaffee-Gesprächen und ganz zu schweigen 🙂

Jetzt freue ich mich sehr auf die TAUS Asia Conference in Singapur vom 16.-18.10, wo ich einige der Teilnehmer aus Dublin wiedersehe und sicher auch neue Bekanntschaften schließen werde. Und bin ganz besonders gespannt auf Informationen zum Sprachengeschäft in Asien. Über meine Erkenntnisse und Erlebnisse in Singapur berichte ich in meinem nächsten Blog in zwei Wochen.

Also, bleiben Sie dran!

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