Scoping – Von der Vision zur Maschinellen Übersetzung

Scoping – Von der Vision zur Maschinellen Übersetzung

„Wir kaufen halt einfach ein gutes Maschinelles Übersetzungssystem und das können dann alle nutzen!“

So, oder so ähnlich dürfte das Unternehmensmanagement in den Ohren von Übersetzungsmanagern klingen, wenn es darum geht, maschinelle Übersetzung einzuführen. Vor einer praktischen Umsetzung sollte man allerdings Risiken und Komplexität einer MÜ-Einführung genau abschätzen. Für unsere Kunden hat sich hierbei das sogenannte ‚Scoping‘ bewährt. Was sich dahinter verbirgt und wie das Scoping im Unternehmen ablaufen sollte, ist Thema meines Blogs.

Im Scoping erstellt man zunächst einen umfangreichen Anforderungskatalog an eine MÜ-Lösung. Darauf folgen eine System-Marktschau sowie das detailreiche Testing der ausgewählten Anbieter. Vor allem aber beinhaltet das Scoping eins: Die Detail-Abstimmung mit Verantwortlichen und künftigen Nutzern der Maschinellen Übersetzung (MÜ).

Anforderungen im Scoping

Dem Entschluss zur MÜ-Einführung in Unternehmen liegen meist ähnliche Motive zugrunde: Kosten sparen, Turn-around verringern, schnelle Übersetzung in allen Sprachen überall und jedem im Unternehmen zugänglich machen. Die konkreten Anforderungen, die hinter einer solchen Vision stecken, sind von Kunde zu Kunde aber unterschiedlich. Schaut man sich die einzelnen Aspekte dieser Vision an, werden die Herausforderungen deutlich:

  • Sicherheitsanforderungen auf Seiten IT und Fachbereichen
  • Sprachrichtungen und Inhaltsarten, die maschinell übersetzt werden sollen
  • Vorhandene Ressourcen für das MÜ-Training
  • Systeme, in die MÜ integriert werden soll
  • Zu erwartende Übersetzungsvolumina
  • Personelle Kapazitäten und Skillsets für die MÜ-Einführung
  • Betroffene Übersetzungsprozesse und -workflows

Welche Anforderungen bestehen ganz konkret pro Fachbereich? Um das herauszufinden eigenen sich Interviews mit Projektmanagern, Übersetzern und Nutzerkreisen gut als Ausgangspunkt. Ein vordefinierter Fragenkatalog zu Sprachen, Textsorten und Inhaltsarten hilft dabei. Bei den Interviews wird oft deutlich: Je größer ein Unternehmen ist, desto mehr MÜ-Baustellen sind im Laufe der Jahre bereits entstanden. Während einige Fachbereiche bereits ausgewachsene MÜ-Projekte vorweisen, stecken andere noch in den Kinderschuhen. Ein neues MÜ-Vorhaben profitiert sehr davon, die Ansätze und Fortschritte der Bereiche zusammenzutragen und alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Im Idealfall profitiert das MÜ-Vorhaben von bestehenden Ideen und eine Wiederholung von Fehltritten lässt sich vermeiden. Wer weiß – vielleicht ergeben sich auf diese Weise auch Synergien für zukünftige Prozesse.

Ein erfolgreiches Scoping sorgt dafür, dass diese Potenziale dokumentiert und genutzt werden. Im Kontext einer MÜ-Einführung sind Use-Cases, Anwendergruppen und verwendete oder getestete MÜ-Systeme ganz besonders interessant.

Scoping in der heißen Phase – Anbieterauswahl

Nach Auswertung aller Fragenkataloge richtet sich der Fokus auf die umfangreiche MÜ-Systemlandschaft. Aus den zusammengefassten Unternehmensanforderungen und User-Stories leitet man dann konkrete Fragen für einen „Request for Information“ (RFI) ab. Diese werden anschließend an eine Vorauswahl potenzieller MÜ-Anbieter übergeben. Ein solcher RFI beinhaltet vorrangig funktionale aber auch finanzielle und organisatorische Anforderungen, die für das Unternehmen besonders wichtig sind. Die Gewichtung einzelner Kriterien erfolgt immer in enger Abstimmung mit dem Kunden. Nur so ist eine zielgerichtete Auswahl potenzieller, passender Anbieter möglich. Mit einem guten RFI wird bereits die Vorarbeit für eine spätere Ausschreibung mit konkreten Angeboten der Anbieter geleistet.

Technologie und Testen

In der Regel gibt es nach Auswertung der RFIs nicht nur einen potenziellen Kandidaten für die MÜ-Systemeinführung. Da nicht zuletzt die Qualität der MÜ für die ermittelten Use-Case entscheidend ist, folgt das Testing von Engines verschiedener Hersteller. Hierzu trainiert man einige in der Anforderungsphase priorisierte Sprachrichtungen direkt bei den Anbietern.  Besonderen Wert legen wir hierbei auf Aufbereitung und Zusammenstellung der Trainingsdaten pro Sprachrichtung. Dies umfasst die Extraktion von Sprachdaten aus Translation Memories und anderen Formaten, die formale und linguistische Bereinigung der Trainingstexte sowie die Terminologie-Integration.

Nach dem Training werden die Engines mittels repräsentativer Testsets, also eines begrenzten Sets von Ausgangssätzen, evaluiert. Sprachexperten post-editieren und bewerten die Ergebnisse der MÜ. Der Detailgrad der Evaluationen ist variabel und wird im Vorfeld mit dem Kunden abgestimmt. Von skalenbasierten Bewertungen zu Lesbarkeit und Genauigkeit bis hin zu Fehler-Annotationen auf Basis von Qualitätsmetriken ist alles denkbar. Das Scoping liefert eine Analyse aller relevanten MÜ-Qualitätskriterien.

Management – Daumen hoch?

Endlich zahlen sich nun die Früchte der Bemühungen aus. Bewaffnet mit Use-Cases, umfangreicher Datenanalyse, Business Case und einer Liste potenzieller Anbieter ist das Projekt-Team gut vorbereitet auf die Vorstellung beim Management. Dank des Scopings ist das Ziel definiert, Mitspieler haben klare Rollen und Aufgabenzuteilungen und die Roadmap steht. Der Weg zur MÜ-Integration ist frei – jetzt geht es an die Umsetzung!

Scoping MÜ: Fazit

Scoping ist wie ein Destillier-Prozess, an dessen Anfang eine vermeintlich undurchdringbare Masse an Anforderungen, Wünschen, und auch falschen Vorstellungen steht. Das Scoping hilft, die zentralen Erkenntnisse heraus zu destillieren, so dass diese vor dem Management besteht und den Weg für eine gute MÜ-Lösung im Unternehmen bereitet.

Image by Sam Moqadam on Unsplash

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