Künstliche Intelligenz – Segen für die Übersetzungsbranche?

Künstliche Intelligenz – Segen für die Übersetzungsbranche?

KI-Lösungen sind im Begriff, zahlreiche Branchen drastisch zu verändern. Die möglichen Einsatzbereiche von KI-Technologien sind äußerst vielfältig und könnten bald unsere kühnsten Fantasien übertreffen. Auch die Übersetzungsindustrie wird durch diese Entwicklungen kräftig aufgemischt. Alle Unternehmen der Branche ungeachtet der Größe oder fachlichen Ausrichtung müssen sich über kurz oder lang mit diesem komplexen Phänomen auseinandersetzen.

Angewandte KI vielseitig wie nie zuvor

Angewandte künstliche Intelligenz (applied or narrow AI) erfährt momentan einen regelrechten Boom: Errungenschaften des menschlichen Denkens sollen von Computern in konkreten, abgegrenzten Teilbereichen gemeistert und sogar übertroffen werden.

Dank Fortschritten in den Bereichen Deep Learning und neuronale Netze ist angewandte KI zunehmend in der Lage, heterogene Datenquellen heranzuziehen, Erkenntnisse daraus zu gewinnen und auf dieser Basis differenzierte Entscheidungen zu treffen. Künstliche neuronale Netze sind nach dem Vorbild des menschlichen Gehirns konzipiert und werden immer selbständiger. Das hat den Vorteil, dass KI sehr flexibel für verschiedene Anwendungen und Aufgaben trainiert werden kann.

Wir haben bereits mehrfach über neuronale maschinelle Übersetzung und MÜ-Trainingsmethoden geschrieben. Doch aktuelle Studien zeigen sogar, dass der Computer nicht notwendigerweise Paralleltexte oder ein von Menschen entwickeltes Sprachmodell braucht, um zwischen zwei neuen Sprachen zu übersetzen. Die beschriebene Methode setzt auf autonomes, unüberwachtes maschinelles Lernen (unsupervised learning). Zu Beginn erstellt der Computer eigene zweisprachige „Wörterbücher“ aus nicht alignierten Daten in zwei Sprachen, und zwar ohne jegliches Feedback von Menschen. Das ist möglich, weil menschliche Sprachen Wörter nach ähnlichen Prinzipien gruppieren. Die Wörter für Tisch und Stuhl werden beispielsweise in allen Sprachen häufig zusammen verwendet. Wenn also ein Computer solche Zusammenhänge wie in einem riesigen „Atlas“ abbildet, ähneln sich die Karten für verschiedene Sprachen.

Momentaufnahme der KI-Anwendungsgebiete (Quelle: Boston Consulting Group)
Eine Momentaufnahme der KI-Anwendungsgebiete (Quelle: Boston Consulting Group)

Auch Technologien wie Spracherkennung, Verstehen natürlicher Sprache (natural language understanding) und natürlichsprachliche Textgenerierung (natural language generation) entwickeln sich rasant weiter und sollen künftig eine reibungslose Mensch-Maschine-Interaktion in natürlicher Sprache ermöglichen. Aus der Prozesssicht werden Qualitätssicherung, Projektüberwachung oder auch strategische Planung bald vermehrt von KI durchdrungen sein. Dabei stehen vor allem intelligente Datenanalyse (data mining) und Entscheidungsunterstützungssysteme (case-based reasoning) im Vordergrund.

Vorsicht ist geboten

Der Mensch ist jedoch nach wie vor als Impulsgeber und Kontrollinstanz unersetzlich, denn große Chancen sind auch mit großen Risiken verknüpft. Emmanuel Macron sagte kürzlich in einem Interview gegenüber dem US-amerikanischen Magazin wired:

KI wird viele verschiedene Geschäftsmodelle verändern, es ist der nächste technologische Umbruch. Wenn wir unseren eigenen Weg, unsere Gesellschaft und Kultur verteidigen wollen, dann müssen wir ein aktiver Teil der KI-Revolution sein. Da wir Innovationen nicht blockieren wollen, ist es besser, sie direkt von Anfang an innerhalb ethischer und philosophischer Grenzen zu gestalten. KI kann die Demokratie gefährden. Algorithmen, die Entscheidungen treffen, sollten deshalb offen und transparent sein, sodass wir ihre Vorgehensweise verstehen und sicher sein können, dass sie vertrauenswürdig sind.“ (Übersetzung: it-zoom.de)

Emmanuel Macron im Interview (Quelle: wired)

Die Probleme des Datenschutzes und der Intransparenz der Algorithmen sind nicht kleinzureden. Die Einhaltung von gesetzlichen Datenschutzrichtlinien und die Auseinandersetzung mit Haftfragen sind dabei erste Schritte in die richtige Richtung. Noch wichtiger ist aber ein starkes Bewusstsein aller Beteiligten über die Verantwortung, die Menschen mit der Nutzung von einem außergewöhnlich mächtigen Instrument wie KI übernehmen müssen.

Abwarten und Tee trinken?

Während visionäre KI-Lösungen noch in den Kinderschuhen stecken, sind mehrere Anwendungen schon  ausgereift genug für eine sinnvolle Nutzung im Übersetzungsprozess. Das sind beispielswiese prädiktive Algorithmen in Authoring-Systemen und CAT-Tools zur Verbesserung der Konsistenz und Qualität sowie intelligente vollautomatische Workflows im Projektmanagement, MÜ-Plugins oder Analytics-Module. Wenn Ihr Unternehmen nicht den Anschluss verpassen möchte, sollte es nach und nach diese Entwicklungen evaluieren und in die eigene Systemlandschaft aufnehmen. Wir von blc begleiten bereits mehrere Kundenprojekte, die sich mit der angewandten KI auseinandersetzen. Es ist ein spannendes und vielversprechendes Terrain, zu dem wir individuelle Analysen und Umsetzungspläne liefern können. Kommen Sie auf uns zu!

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